Corona: Strikte Eindämmung statt gebremste Durchseuchung (Teil 2)

Der mittlerweile bestätigte geringe Durchseuchungsgrad in Österreich böte die Chance, das Virus weitgehend auszurotten. Lediglich unter der Kapazitätsgrenze des Gesundheitssystems zu bleiben, wäre zu wenig ambitioniert und zöge die Krise in die Länge – ebenso die Abtrennung von nicht weniger als einem Viertel der Bevölkerung als Risikogruppe. Das Konzept der Herdenimmunisierung scheitert belegbar auf mehreren Ebenen.

Die am 10.4.2020 veröffentlichte Untersuchung zur Erhebung der insgesamt aktuell mit dem neuen Coronavirus Infizierten in Österreich machte offiziell, was einige Tage zuvor schon durchgesickert war: Die Durchseuchung ist sehr gering, 0,32% (wenngleich mit einiger Schwankungsbreite von 0,12% bis 0,76%). Der fast schon greifbaren Chance, SARS-COV-2 hierzulande weitgehend auszurotten, kommt die nun beginnende Teilöffnung des Einzelhandels allerdings nicht gerade entgegen.

Denn gleichzeitig heißt das Untersuchungsergebnis: Jeder Dreihundertste ist Träger. Unter Normalbetrieb der Gesellschaft würde man einem solchen rasch begegnen – oder denen, die sich mit diesem ausgetauscht haben.

Jenes unrealistische Wunschdenken, an das einzelne Mediziner und auch Verschwörungstheorien anknüpften, wonach vielleicht ein großer Teil der Bevölkerung bereits immunisiert sein könnte, brach außerdem in sich zusammen.Einige Bundesländer melden bereits die ersten Tage ohne bestätigte Neuinfektionen. Hemmungen, Scheu oder falsche Solidarität sollten jedenfalls kein Hindernis sein, das Virus hierzulande wenn nur möglich auszurotten. Die im ersten Teil dieser Analyse von politischen Strategien in der Viruskrise als Plan C kategorisierte Idee, auf „Herdenimmunisierung“ zu setzen, kann nun getrost ad acta gelegt werden: Wie sich zeigte, ist die erhoffte Zahl an Immunisierten nicht vorhanden und kann ohne chaotische Zustände bzw. ohne langen Zeitplan auch nicht aufgebaut werden. Nach aktuellen Studien wird gerade infolge von milderen Verläufen eine zu geringe Immunisierung aufgebaut. Außerdem mehren sich die Hinweise auf bleibende Organschäden bei „Gesundeten“ (s.u.), was in den täglichen Statistiken nicht ausgewiesen wird. In einem Plan B würde man vor allem die Kapazitäten des Gesundheitssystems als Maßstab anpeilen und die Krise unabsehbar in die Länge ziehen – dies wird auch in der BRD langsam klarer. In Österreich besteht immer noch die Möglichkeit, sich auf den zunächst versäumten Plan A zuzubewegen, nämlich die konsequente Eindämmung und weitgehende Ausrottung von SARS-CoV-2.

Weitgehende Ausrottung des Virus greifbar

Gerry Foitik, Rettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes, sagte bereits Anfang April in einem Interview (OE24 TV), dass es – das zuvor noch keineswegs klar ausgesprochene – Ziel sei, das Virus in Österreich weitgehend auszurotten, d.h. realistisch auf 10+ Neuinfektionen pro Tag zu kommen (also eher im unteren zweistelligen Bereich). Wann es soweit sein werde, könne man durchaus in Aussicht stellen, so Foitik weiter, nämlich bei ausreichender Aufrechterhaltung der Anstrengungen mit Mai oder Juni. Das Schlimmste wäre also schon in absehbarer Zeit spürbar vorüber. Das wäre auch für die heimische Wirtschaft das beste. In einer Übergangsphase zeichnen sich regionale und kleinräumige Steuerungen ab.

Derzeit steht man bei ca. 150 bestätigten Neuinfektionen pro Tag, Tendenz leicht sinkend. Die Dunkelziffer kann nach obiger Untersuchung mit Faktor zwei bis drei angenommen werden.

Hinsichtlich Teilöffnung des Einzelhandels dürfte sich der Rettungskommandant nicht auf voller Linie durchgesetzt haben.

„Oster-Erlass“ zurückgezogen

Zuvor kam noch ein seltsamer „Oster-Erlass“ des Gesundheitsministeriums dazwischen, über dessen genaues Zustandekommen es eher müßig wäre zu spekulieren. Der schließlich am 6. April recht eilig wieder zurückgenommene Erlass intendierte anscheinend, für die Osterfeierlichkeiten Ausnahmen der verordneten räumlichen Distanznahmen zu gewähren: Demnach hätte eine Familie bis zu fünf Personen zugleich empfangen können, die nicht im gleichen Haushalt leben.

Dies veranlasste den Autor dieser Zeilen zu einem Schreiben an die Bundesregierung:: „Wenn es erlaubt werden sollte, dass 5 Menschen aus unterschiedlichen Haushalten zur Osterjause eine vierköpfige Familie besuchen, dann hätte man ein ganz normales Osterfest in den meisten Fällen ja erlaubt: 5 Menschen reisen mit mehreren Autos an, 9 Familienmitglieder inklusive Mitzi Tant und Großpapa beugen sich über eine brechend volle Tafel und lassen sich volllaufen.

Die Berechnung ergibt sogar folgendes: Nimmt man nur einen (unbemerkt) Infizierten im Familien- bzw. Bekanntenkreis an, dieser hält sich ganz an obige Regeln und will im Rahmen dessen den alten Brauch zur Anwendung bringen, von 7 verschiedenen Schinken zu kosten, wo theoretisch auch überall insgesamt 9 Leute beisammen sitzen, dann könnten theoretisch insgesamt 57 verschiedene Personen aus 36 verschiedenen Haushalten an einem verlängerten Wochenende zusammenkommen, die von dieser einen Person getroffen und mit einiger Wahrscheinlichkeit infiziert werden. Praktizieren einige andere aus diesem Bekanntenkreis auch nur teilweise diesen geselligen Brauch, dann explodieren die Zahlen der Kontakte obendrauf noch förmlich.

Das heurige Osterfest ist tatsächlich eine riesige Gefahr für den erst vor wenigen Tagen ins Positive gedrehten Kurs zur Bewältigung der Viruskrise.“

Isolierung von Risikogruppen verlängert die Krise

Was darüber hinaus zu bedenken ist: Der wohlklingende Vorschlag, Risikogruppen besser zu schützen, also abzutrennen, könnte zu einem zynischen Ergebnis führen: Risikogruppen machen einen erheblichen Anteil der Bevölkerung aus. Sperrt man diese ein, damit die anderen ungestört ihrem gewohnten Leben nachgehen können, würden letztere sich durchinfizieren und die anderen müssten sich vielleicht jahrelang in echter Todesangst verstecken. Für sie würde es sich tatsächlich so darstellen, als liefen draußen lauter fröhliche, aber gefährliche Zombies herum.

Über 65-Jährige machen ein knappes Fünftel der Bevölkerung aus. Zählt man jüngere Risikogruppen hinzu, ist man rasch bei gut einem Viertel der Bevölkerung angelangt, die man vom öffentlichen Leben ausschließen und versorgen müsste.

Vor allem wäre das Ziel, das Virus auszurotten, in so einem Plan B mit einem Schlag von vornherein verfehlt und das zöge die Krise in die Länge. Ganz abgesehen davon, dass es auch außerhalb der Risikogruppe ungünstige Krankheitsverläufe gibt.

Konzept der Herdenimmunisierung nicht mehr haltbar

Eine aus politischen Intentionen am vorösterlichen Gründonnerstag veröffentlichte Studie aus Nordrhein-Westfalen ist offenbar wertlos und wurde durch Lobbyisten aufgepimpt. Die Süddeutsche Zeitung fasst trocken zusammen:

  • Die Ergebnisse der Studie aus dem nordrhein-westfälischen Gangelt sind vermutlich durch methodische Fehler verfälscht.
  • Die Studie sollte zeigen, dass es in NRW eine beginnende Herdenimmunität gegen Sars-CoV-2 gibt.
  • Ministerpräsident Laschet hatte wegen der Studie Lockerungen der Maßnahmen gegen das Virus in Aussicht gestellt.

Viel konkreter noch wird es hier:

Die Los Angeles Times  zitiert zahlreiche behandelnde medizinische Experten, vorrangig aus den USA, die von bleibenden Organschäden infolge einer überlebten Covid-19-Erkrankung berichten. Neben einer deutlich reduzierten Lungenfunktion sind Herz, Leber, Nieren und auch Nervensystem betroffen.

Gegen die Herdenimmunisierung sprechen noch zahlreiche andere Argumente, wie etwa, dass diese Strategie die Mutationsfähigkeit des Virus beflügeln und die riskante Erstimmunisierung sinnlos machen würde. Oder aber die Immunisierung findet trotz Infektion gar nicht statt.

Eine aktuelle chinesische vorab veröffentlichte Studie legt nahe, dass ein Drittel der positiv auf Covid-19 Getesteten danach einen Mangel an Antikörpern aufweist und nicht gegen Wiederinfektionen geschützt ist. Doch nicht nur das: „Die Zahl der Antikörper dürfte auch je nach Alter variieren. So fanden die Mediziner bei Menschen zwischen 60 und 85 Jahren wesentlich mehr als in der Gruppe der 15- bis 39-Jährigen.“ (Wiener Zeitung)

Das heißt, die Jüngeren mit den milderen und unbemerkten Verläufen sind nicht nur von vornherein die Super-Spreader, sondern gerade sie sind infolge einer Infektion weniger immunisiert, vermutlich wegen des unproblematischen Verlaufs.

Die besonders Kontaktfreudigen werden es also nicht sein, die das Virus stoppen. Vielmehr machen Ideen wie das Mobil-Tracing wenn, dann vor allem für jene Sinn, die ausgerechnet jetzt gern shoppen gehen wollen, als ob nichts wäre. Das sollte jenen klar sein, die auf frühe Öffnungen drängen. Für jemanden, der abgeschlossen in seinem Heim sitzt – vielleicht mit Balkon oder Garten – und gelegentlich mal Joggen geht, braucht es das eigentlich nicht. Ländliche Abgeschiedenheit erweist sich gerade eben als Vorteil und in den überbevölkerten Städten wird die Eindämmung wohl schwieriger werden. Die Übertreibungen der Globalisierung und Urbanisierung erwiesen sich ohnehin als die erstes Opfer der Viruskrise.

Kurzum: Als Individualist auf baldigen vermehrten Konsum zu drängen, befördert gleichzeitig die Etablierung der vielkritisierten elektronischen Tracing-Methoden, von denen asiatische Länder noch viele auf Lager haben und die nicht unbedingt auf eine Steigerung der ersehnten Sozialkontakte abzielen.

Als Wirtschaftstreibender auf rasche Wiederaufnahme des gewohnten Geschäftslebens zu drängen, befördert womöglich eine Verlängerung der Krise. Das Damokles-Schwert einer zweiten Infektionswelle gilt es außerdem genau im Blick zu behalten. Keinesfalls sollten die bisherigen Anstrengungen und Entbehrungen unter großer Disziplin der Bevölkerung konterkariert werden.

Januar und Februar zur Vorbereitung versäumt

In einer vielbeachteten Zwischenbilanz zu den politischen Entscheidungen in der Corona-Misere schreibt der Schweizer Arzt Prof. Paul Robert Vogt: „Klar sind zwei Dinge: die Pandemie wurde seit 2003 mindestens 8x angekündigt. Und nachdem ihr Ausbruch am 31. Dezember 2019 der WHO gemeldet worden war, hätte man 2 Monate Zeit gehabt, die richtigen Daten zu studieren und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Taiwan zum Beispiel, dessen 124 Maßnahmen früh publiziert worden sind, hat am wenigsten Infizierte und Todesfälle und hat keinen «Lock-down» der Wirtschaft durchführen müssen.“

Auch dies sollte uns gemahnen, den vorerst versäumten Plan A nicht aus den Augen zu verlieren. Formulierungen von Regierungsseite wie: Man wolle „das Virus unter Kontrolle halten“, scheinen eher eine Orientierung dahingehend anzudeuten, die Infektionskurve soweit flach zu halten, dass in der medizinischen Versorgung kein akutes Chaos entsteht, was mittelfristig aber zu wenig sein könnte.

Neben dem Unsicherheitsfaktor Ostern und der Teilöffnung des Einzelhandels für diejenigen, die drei Wochen auf Sparbetrieb und es ohne das gewohnte „Shopping“ schon kaum ausgehalten haben, erhebliche Risiken und konkrete Gefahren in sich, die ggf. hoffentlich noch rechtzeitig abgefangen werden können, um Plan A, das weitgehende Aushungern des Virus, nicht zu gefährden. Andernfalls droht ein Abgleiten in einen verkappten Plan C, nämlich in die schleichende Durchseuchung der Gesellschaft (60-70%) mit einer Mindestopferzahl im fünfstelligen Bereich (mittlere Mortalitätsrate) selbst bei flacher Kurve (Plan B) und ein jahrelanges Hinauszögern der Krise mit allen sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Schließlich kann man auch nicht von vornherein davon ausgehen, dass im kommenden Jahr bereits ein Impfstoff einsetzbar oder überhaupt gefunden sein wird, sondern dafür nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit besteht. Gegen die Coronaviren SARS 1, HIV und den einfachen Schnupfen gibt es übrigens immer noch keine Impfung.

Das größte Problem ist also, dass die Ausrottung des Virus nicht als Ziel genannt wird, in Deutschland übrigens auch nicht. Indem die Herdenimmunisierung aus vielerlei Gründen zu verwerfen ist und man sich auf eine baldige Impfung nicht verlassen kann, ist die Dauer der Krise unabsehbar.

Besser strengere und kürzere Maßnahmen, als weichere und möglicherweise viel längere, mit umso mehr Opfern. Dass Frankreich seine Teilöffnung in einem Monat mit den Schulen beginnen will, wo sich wohl am schnellsten alle darin und darüber hinaus anstecken, lässt nichts Gutes erwarten.

Die Corona-Krise macht besonders deutlich, worin der Unterschied zwischen Expertentum und Politik besteht und warum Experten nicht durch die Krise führen sollten: Experten können alle möglichen Szenarien vorstellen und vorrechnen, Politiker müssen abwägen und sich für das Beste entscheiden. Mit den vorerst gestarteten Teilöffnungen stehen überall entscheidende Justierungen auf nationaler Ebene bevor – und letztere wird mittelfristig wohl die dominierende sein.