Montag, 16. September 2019

Jörg Haider – Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Ein Jahrzehnt nach dem Unfalltod Jörg Haiders ist dessen Mystifizierung und der Nimbus, welcher seine Person und Persönlichkeit umgibt, nahezu ungebrochen. Selten wird aber der Mensch dahinter analysiert, der fernab mancher Klischees anders war, als es die mediale Berichterstattung und seine bewusst gewählten Provokationen erahnen lassen.

Im Gedicht “Stufen” von Hermann Hesse heißt es treffend “Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne”. So kann man auch den Weg und die Karriere des einstigen Landeshauptmannes von Kärnten beschreiben. Angetreten war er mit einer jungen Truppe, der sogenannten “Buberlpartie“, die das herrschende politische Establishment verändern wollte. Mit der jugendlichen Leichtigkeit des Seins und wenig Respekt vor gewachsenen Autoritäten wurde die Politlandschaft zuerst in Kärnten und dann in gesamt Österreich in Unruhe versetzt. So wurde beispielsweise Erwin Frühbauer, SPÖ-Urgestein und Grandseigneur, durch Reinhart Gaugg, welcher später als Nazi Buchstabierer (neu-attraktiv-zielstrebig-ideenreich) bekannt wurde, im Skandal um das Zellstoffwerk Magdalen zu Fall gebracht. Haiders Jünger lebten und agierten frei nach dem Prinzip “Was kostet die Welt“.

Selbstbewusstsein ist sexy

Angelehnt an amerikanische Wahlkämpfe traten bei Veranstaltungen stramme Burschen umrahmt von Hits aus den Rocky Filmen, in Erscheinung. Schon war der Kontrast zu den üblichen 0815-Politikern der Konkurrenz perfekt. Gerade den Kärntnern wurde durch den gebürtigen Oberösterreicher auf diese Art ein gewisser Stolz injiziert. „Wir gegen die in Wien“ war das Motto, welches sich auch in der Plakatserie “Sie sind gegen ihn, weil er für Euch ist“ manifestierte. Der einstige FPÖ-Chef war sich über die Macht der Worte, lange bevor der NLP-Trend in Österreich aufkam, bewusst und wusste diese vortrefflich zu nutzen, um die passenden Emotionen der Menschen anzutriggern.

Harte Schale, weicher Kern

Wenige wissen, dass die Erfolgsformel des einstigen FPÖ-Chefs neben der Intelligenz und dem Charisma, die unglaubliche Ausdauer und der Fleiß des passionierten Bergsteigers und Läufers war. Der “Thunder on the Right“, wie die US-Zeitschrift „Newsweek“ einst titelte, musste sich seine Machtbasis in mühevoller Kleinarbeit und durch unzählige persönliche Kontakte aufbauen. Was bei polarisierenden Grenzgängern oft vergessen wird, ist der Mensch hinter der Politfassade. Jörg Haider, geliebt von seinen Anhängern und verteufelt von seinen politischen Gegnern, war kein Übermensch. Auch er hatte Phasen von Selbstzweifel und Unsicherheit und obwohl er selbst mit harten Bandagen kämpfte, gingen ihm viele Angriffe und eigene Fehler, man erinnere sich an seine Abwahl als Landeshauptmann 1991, verursacht durch seine Äußerung zur “ordentlichen Beschäftigungspolitik im Dritten Reich”, näher als die eloquente Fassade vermuten ließ.

Mythos und Mensch

Neben seiner kognitiven Kapazität besaß er eine für einen Politiker noch viel wichtigere Fähigkeit nämlich emotionale Intelligenz. Sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen und eine ehrliche Empathie für dieses zu entwickeln, war seine größte Stärke. Im persönlichen Gespräch war Haider im Gegensatz zu seinen öffentlichen Auftritten ein eher introvertierter, hochsensibler Zuhörer als ein populistischer Polterer. In seinem letzten Lebensjahr 2008 hatte sich Haider für die Nationalratswahlen neu erfunden. Aus dem Revoluzzer wurde ein Elder Statesman. Die Leichtigkeit der Anfangsjahre war der Schwere der politischen Verantwortung gewichen. Haider war sich seiner Handlungen und Taten bewusst und reflektierte mehr als manche Beobachter anzunehmen vermochten über seine individuelle Genese. Dies wurde auch im TV Duell 2008 mit seinem einstigen Verehrer Heinz Christian Strache sichtbar. In diesem bekam er seinen Spiegel von einst vorgesetzt. Seiner persönlichen Eigendynamik konnte auch der Wandelbare nicht entfliehen.

Bildquellen

  • Jörg_Haider: Wikipedia - sugarmeloncom

Daniel Witzeling

Psychologe und Sozialforscher.  Leiter des Humaninstituts Vienna. Als Sozialforscher beschäftigt er sich mit angewandter Psychologie  auf verschiedenen gesellschaftlichen Tätigkeitsfeldern unter anderem  Wirtschaft, Politik und Soziales.