Montag, 22. Juli 2019

Grado – Urlaubsort mit Doppelleben

Als Österreich noch am Meer lag, zählte Grado zu einem der beliebtesten Bade- und Kurorte an der oberen Adria.  Bereits 1854 begann in dem kleinen Fischerdorf, das seit dem Untergang der Serenissima zum Habsburgerreich gehörte, der Tourismus.

Die ersten Badehütten wurden damals am Strand aufgestellt. 1892 ernannte Kaiser Franz Joseph Grado per Dekret zur k. k. Kur- und Badeanstalt. Der Kaiser residierte, wenn er Grado besuchte, in der Villa Erica. Von dort ist es nur ein kurzer Weg zum Hauptstrand, dem Spiaggia Principale. Durch die Kaisertür, einem eisernen Tor im Jugendstil, gelangte Franz Joseph an den Strand. Sie existiert heute noch.

Ville Bianchi: Jugendstilbauten aus dem Jahr 1900

Mit der Bahnanbindung an Görz und Wien begann der Aufstieg zum beliebten Urlaubsziel an der sogenannten österreichischen Riviera. Eigentlich endete die Bahnstrecke im kleinen Ort Belvedere. Von dort wurden die Gäste per Dampfschiff über die 12.000 Hektar große Laguna di Grado zur Isola Del Sole, zur Sonneninsel, die die Lagune vom offenen Meer abtrennt und auf der Grado erbaut ist, geschippert. Die Gegend war Teil des kleinsten Kronlandes der Monarchie, der Gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisca. Das ist lange her. Wer heute mit dem Auto über den Damm nach Grado kommt, Dampfschiffe verkehren keine mehr, der sieht zuerst die vielen Hotels und Apartmenthäuser, so wie sie auch in Lignano oder Bibione zu Hunderten stehen. Doch Grado ist anders. In vielerlei Hinsicht.


Wappen der gefürsteten Grafschaft Görz und Gradisdca

Man findet die Spuren der Monarchie noch überall in der Lagunenstadt. Etwa die Ville Bianchi. Baron Leonhard Bianchi ließ die Jugendstilbauten 1900 als privates Sommerdomizil errichten. Das Ensemble ist heute ein Viersternehotel. Einen besonderen Charme hat der historische Kern von Grado mit seinen engen Gassen, uralten Häusern und Fußgängerzonen. Hier begegnet man der römischen und venezianischen Vergangenheit auf Schritt und Tritt. Direkt nebeneinander stehen die beiden frühchristlichen Kirchen Sant’Eufemia und Santa Maria delle Grazie. Mit dem Bau dieser Kirchen wurde bereits im fünften Jahrhundert begonnen.

Nicht nur solche historischen Schätze unterscheiden Grado von den anderen bekannten Badeorten an der oberen italienischen Adria, auch das Publikum ist ein anderes. In Grado ist das ganze Jahr über Betrieb. Auch in den Nebensaisonen ist an der Promenade, den Fußgängerzonen und in den vielen Restaurants einiges los. Der Großteil der Gäste sind ältere, eher gut situierte Semester und sie kommen, wie zu Kaisers Zeiten, vor allem aus Österreich. Was sie nach Grado lockt, ist neben dem milden Klima und der schönen Altstadt vor allem die Kulinarik. Die vielen erstklassigen Restaurants und hervorragenden Osterien sind zu dieser Zeit der Hauptanziehungspunkt. Wer etwa in De Tonis speisen möchte, der sollte rechtzeitig einen Tisch reservieren. Billig-Pizzerien sind hier die Ausnahme.

Im Hochsommer verändert der Ort sein Gesicht. Dann ähnelt Grado den Orten, die an der Küste einige Kilometer weiter südlich liegen, wo die Menschen dicht gedrängt wie die Sardinen am Strand liegen. Auf den Fußgängerzonen drängen sich die Familien.

Dieses touristische Doppelleben kann man etwa an den Geschäften in Grado gut erkennen, wenige Meter neben der teuren Nobelboutique verkauft ein Inder seine Billigklamotten. Wenn die Hauptsaison endet, kehrt wieder etwas mehr Ruhe ein. Und statt der Tausenden Badegäste kommen wieder die Feinschmecker, Flaneure, die älteren Damen mit ihren Hunden. Dann kann man wieder erahnen, wie es zu Kaisers Zeiten in Grado war.

Bildquellen

  • grado Plakat: Werner Reichel

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